Eure Kinderwunsch-Geschichte XI: Sechs Jahre, zwölf Abgänge und eine große Chance. Der Gendefekt meines Mannes.

Ein Text von Tanja LeCoultre.

Unsere Kinderwunschzeit. Eine mühsame und lange Zeit, voller Tränen und ewigen Wartereien auf Resultate. Freudigen Zeiten mit einem positivem Schwangerschaftstest in der Hand. Gefolgt von schwarzen Tagen.

Sechs Schwangerschaften, die frühzeitig endeten. Das kann nicht normal sein.

Unsere Kinderwunschzeit begann vor sechs Jahren, als ich die Pille bewusst und gewollt abgesetzt habe und vier Wochen später einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Beim ersten Ultraschall konnten wir sofort das Herzchen schlagen sehen und hören. Es war ein unglaublich schöner Moment, den ich bis heute nie vergessen habe. Wir haben alle informiert und schmiedeten Pläne, wie das Kinderzimmer aussehen wird. Zwei Wochen später beim Kontrolltermin war das Herzchen leider still und schlug nicht mehr. Der Arzt nannte es "eine Laune der Natur" und sagte zu mir: „Das ist normal. Jede Frau erlebt im Schnitt drei Fehlgeburten“. Das traf mich so tief, dass ich erst mal zwei Jahre nichts mehr von Kinder bekommen wissen wollte.

Als wir es wieder versuchen wollten, wurde ich sofort wieder schwanger. Zwei Wochen später bekam ich Blutungen. Im Ultraschall am nächsten Tag konnte man schon nichts mehr sehen. Ein Jahr verging und wir wollten es wieder versuchen. Wieder wurde ich direkt schwanger. Aber leider bekam ich drei Wochen später Blutungen. Ich wusste gleich, dass es vorbei war. Dann standen einige Tests an. Wir wurden auf den Kopf gestellt. Doch rauskam: Nichts. Gar nichts. Die Aussage des Arztes war „Sie sind gesund und hatten einfach nur Pech. Sie werden sehen, beim nächsten Mal klappt es“. Ein halbes Jahr später hatten wir dann wieder Pech. Wir warteten wieder ein halbes Jahr. Haben beide einen gesünderen Lebensstil angestrebt. Von Akupunktur bis Klapperstorchtee hab ich fast alles ausprobiert.

Ich wurde wieder schwanger und hatte wieder Pech. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, weder in der Familie noch im Freundeskreis, dass wir seit der ersten Fehlgeburt überhaupt wieder versuchen, schwanger zu werden. Doch nach dem fünften Mal musste ich mein Herz öffnen und darüber sprechen. Das hat mir so gut getan und ich weiß bis heute nicht, warum ich es nicht früher gemacht habe. Egal, wem ich es erzählt habe, die Antwort war immer die selbe: Jede/Jeder kannte jemanden, der auch eine Fehlgeburt hatte. Ob früh oder spät. Es war also etwas normales. Es wird einfach nicht darüber gesprochen.

Wir heirateten und waren so richtig bereit, endlich eine Familie zu gründen. Und so probierten wir es weiter und wieder wurde ich sofort schwanger. Ich bekam in der sechsten Woche Blutungen und verlor es. Und dann schien es doch nicht mehr so normal. Sechs mal einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen zu halten, nur um dann zwei bis drei Wochen später Abschied nehmen zu müssen. Das ist nicht normal. Das kann nicht normal sein.

Unser Weg in die Kinderwunschklinik: Der Gendefekt.

Und so entschied sich auch unser Frauenarzt, uns an eine Kinderwunschklinik zu überweisen. Dort wurden wir erneut auf den Kopf gestellt. Auch die Genetik wurde untersucht. Vier Wochen später hatten wir einen Termin, um den genetischen Befund zu besprechen. Und genau da lag das Problem. Mein Mann hat einen Gendefekt.

Er hat eine reziproke balancierte Translokation der Chromosomen 4 und 21. Einer von 560 Menschen ist Translokationsträger. Dunkelziffer unbekannt. Seine Chromosomen 4 und 21 sind miteinander vertauscht. Bei ihm aber in balancierter Form, also ausgeglichen. Es fehlt bei keinem Chromosom etwas, es sind nur Bruchstücke untereinander ausgetauscht. Und genau deshalb ist er auch ein ganz normaler und gesunder Mann. Gibt er sein Chromosomenpaar aber bei der Zeugung unbalanciert weiter, hat das Baby keine Chance. In unserem Fall überlebt es bei unbalancierten Chromosomen 4 und 21 nicht länger als die achte Woche. Sind bei anderen Paaren andere Chromosomen involviert, kann es zu späteren Abgängen kommen. Zu Totgeburten, Down Syndrom, Missbildungen oder es tritt gar nicht erst eine Schwangerschaft ein.

Unser Weg zum Humangenetiker.

Obwohl es kein Trost war und es die sechs Abgänge nicht rückgängig machte, hat plötzlich alles Sinn ergeben. Und irgendwie tat es gut zu wissen, dass meine sechs Sternchen gar keine Chance gehabt hätten und dieser Weg der Fehlgeburt für sie der beste Weg war. Wir hatten danach ein Gespräch mit einem Humangenetiker, der uns alles genau erklärte und uns die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung mit PID (Präimplantationssdiagnostik) näher brachte. Da eine IVF-Behandlung mit genetischer Untersuchung der Embryonen 15.000 Schweizer Franken (14.000€) kosten würde und wir Selbstzahler sind, haben wir uns ganz klar dagegen entschieden. Laut Humangenetiker hätten wir auf natürlichem Weg eine 50% Chance, dass mein Mann die Chromosomen balanciert weiter gibt und wir ein gesundes Kind bekommen. Er meinte, auch wir hätten einfach wahnsinnig viel Pech gehabt die letzten sechs Mal.

Auch unser Arzt in der Kinderwunschklinik war mit unserem Vorgehen einverstanden und meinte sogar, dass eine IVF mit PID bei uns keinen Sinn machen würde. "Sie werden so schnell schwanger, das wäre, als ob man mit Kanonen auf Spatzen schießt."

"Es schmerzt zu wenig, um aufzugeben."

Was wir erst viel später erfahren haben, unsere Chancen auf natürlichem Weg ein gesundes Kind zu bekommen, liegen zwischen 2,5-12%. Und so kam es, dass wir uns auf das Risiko eingelassen haben und es weiter natürlich versucht haben. Wir setzten uns quasi ein Limit und sagten, dass wir noch drei weitere Abgänge in Kauf nehmen würden. Ich wurde noch im Folgemonat schwanger und verlor es. Einen Monat später das selbe Spiel. Und dann gleich nochmal. Diesmal sogar mit Herzschlag, das zweite Mal einen Herzschlag. Das gab uns Hoffnung. Diese währte aber nicht lange, denn ich schaffte es nur bis in die achte Woche.

Eine Pause mit Verhütung musste dringend her. Wir konnten nicht mehr. Wir verstanden die Welt nicht mehr. Und wir hatten unser gesetztes Limit innerhalb vier Monaten erreicht. Neun Fehlgeburten. Nach einem Jahr Pause, haben wir neuen Mut gefasst und uns vorgenommen es noch ein letztes Mal zu probieren. Falls das wieder nicht klappen sollte, dann würden wir den Weg der IVF gehen. Ich wurde wie immer sofort schwanger. Aber wie wir es uns gewohnt waren, bekam ich leider zwei Wochen später Blutungen. Aufgeben und IVF passte aber immer noch nicht in unseren Plan. Unsere Familie und Freunde konnten oft nicht verstehen, wie wir den Schmerz ertragen können. Klar, zehn Fehlgeburten sind krass, das wissen wir. Doch für uns war es richtig, es weiter zu probieren. Ich hab mal in einem Forum von einer Frau gelesen, die auch mehrere Fehlgeburten hinter sich hatte. Und auf die Frage, wie sie es schaffte, motiviert zu bleiben und nicht aufzugeben, sagte sie: „Es schmerzt zu wenig, um aufzugeben“. Dieser Spruch ist so passend. Es klingt so pervers, aber genau so ist es. Ich hatte noch immer Kraft weiter zu machen. Unser Wunsch, ein gemeinsames Kind zu haben, war einfach zu groß, um aufzugeben. Samenspende kam nicht in Frage, Adoption wollten wir noch ausschließen und IVF mit PID war einfach zu teuer und vor allem ohne Garantie. Man sagt, ein Translokationspaar benötigt bis zu drei Runden um auch nur einen gesunden Embryo zu finden. Das schreckte uns ab. Ich war bereit, noch weitere Abgänge in Kauf zu nehmen und sagte mir, dass wir doch einfach irgendwann mal Glück haben müssen.

Wir entschieden uns nun doch für eine IVF.

Nach einer kurzen Erholungspause haben wir es weiter probiert und ich wurde wieder schwanger. Leider verlor ich auch dieses Baby. Und irgendwie war er dann plötzlich doch da. Der Moment, in dem sich eine IVF richtig angefühlt hat. Nach sechs Jahren und elf Fehlgeburten war es soweit. Wir konnten beide dahinter stehen und wollten auch einfach irgendwann sagen können, dass wir alles versucht haben. Gesagt, getan. Wir hatten zwei Wochen später unseren ersten Skype-Termin, um alles zu besprechen. Der Plan stand. Ich hatte ein Rezept bekommen für die Antibabypille, die ich an Zyklustag 1 nehmen sollte und musste nur noch auf meine Periode warten. Die kam aber nicht. Ich wurde nochmal schwanger, wieder direkt nach der letzten Abbruchblutung. Das war ein Zeichen. Denn wir hatten nur ein einziges Mal ungeschützten Sex. Wieder hatten wir einen Herzschlag. Zum dritten Mal. Doch leider hat es auch dieses Baby nicht weiter als in die achte Woche geschafft.

Die genetische Untersuchung des Abortmaterials ergab, dass es die unbalancierte Translokation vererbt bekommen hat. Zwei Monate später habe ich mit der Stimulation der Eierstöcke angefangen. Der Arzt konnte acht Eizellen punktieren. Alle acht waren reif. Vier ließen sich befruchten und zwei haben es bis Tag 5 geschafft, also ins Blastozystenstadium. Diesen zwei Embryonen wurden ein paar Zellen biopsiert und diese wurden dann genetisch untersucht. Die drei Wochen Wartezeit auf das Ergebnis waren für mich psychisch sehr schwer auszuhalten. Und dann kam die Antwort: Einer der beiden ist gesund. Wir haben also einen kerngesunden Embryo!

Und hatten und haben Glück.

Nun war also klar: Wir haben endlich das, was wir immer wollten. Ein genetisch gesunder Embryo. Und somit die gleiche Chance wie Paare ohne eine Translokation. Naja, nicht ganz, denn vor uns lagen noch mindestens zwei Hürden, um die gleiche Chance zu haben wie andere. Unser einziger gesunder Embryo wurde nach der Biopsie nämlich kryokonserviert. Bei -196 Grad in flüssigem Stickstoff eingefroren. Für 60 Tage. Denn bei mir musste erst nochmal alles durchgecheckt werden, bevor er bei eingesetzt werden konnte. 

Und dann kam die erste Hürde: Das Auftauen überleben. Er wurde am 10.11.20 aus seinem Eisschlaf geholt und hat es überlebt. Ein paar Stunden danach war der Transfer und somit der Einzug in meine perfekt vorbereitete Mitte. Dies war zugleich die zweite Hürde, die es zu bewältigen galt. Denn der Embryo musste sich bei mir einnisten. Aber auch das haben wir geschafft.

Und heute bin ich in der 14. Schwangerschaftswoche und könnte glücklicher nicht sein. Wir haben es geschafft!


Jeder Weg bei jedem Paar ist individuell. Wenn ich unsere Geschichte erzähle, blicke ich immer in erstaunte und schockierte, gar mitleidige Gesichter. Das ist aber die Realität. Und das passiert so vielen Paaren da draußen. Ein Kind zu zeugen ist ein Wunder. Ein Wunder, bei dem so viele kleine einzelne Bausteinchen am richtigen Ort sein müssen. Es muss so viel stimmen damit alles passt und das tut es eben nicht bei jedem Paar. Ich bin schlussendlich froh, den Weg der IVF gegangen zu sein. Dankbar, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt und wir beim ersten Versuch solch ein Glück hatten. Ich hoffe das Glück bleibt weiterhin auf unserer Seite und freue mich auf die nächsten Monate und Jahre.

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Danke, liebe Tanja. Danke auch für die medizinischen Details. Ich bin mir sehr sicher, dass du vielen Frauen damit Mut machst. Habe eine schöne Schwangerschaft!

Falls jemand mit Tanja Kontakt aufnehmen möchte: Ihr findet sie bei Instagram als @tansheloves.