Eure Kinderwunsch-Geschichte: Ich bin eine Überlebende, eine Kämpferin, eine Sternenmama, voller Stolz. Und Hoffnung.

Unerfüllter Kinderwunsch - 

Happy End ungewiss 

Manchmal folgt nach Regen auch einfach nur noch mehr Regen. Statt auf einen Sonnenstrahl mit Regenbogen zu hoffen, spanne ich jetzt den Schirm auf und tanze durch die Pfützen. 

Hallo, ich bin Anna*, 33 Jahre alt und habe seit drei Jahren einen Kinderwunsch - bekommen habe ich bisher nur zwei Fehlgeburten, vier OPs, eine Psychotherapie und ein Meer aus Tränen. Aber auch mehr Gelassenheit, Dankbarkeit und einen neuen Blick aufs Leben.

Aber der Reihe nach: 

Der Start 

Unser Kinderwunsch stand schon von Beginn unter keinem allzu guten Stern. Die Pillenabsetzung (nach 9 Jahren Einnahme) führte zu einem Ausbleiben der Periode über Monate, danach zu extrem langen Zyklen von über 50 Tagen, teilweise auch ohne Eisprung. (Teilen mehr Frauen die Erfahrung? Angeblich haben nur 2% ihre Tage danach mehr als 2-3 Monate nicht. Allein durch mir bekannte Fälle aus dem Freundeskreis halte ich diese Zahl aber für fragwürdig.

Verzweifelt und ungeduldig war ich also schon jetzt, doch da ahnte ich nicht, was alles noch folgen sollte. 

Das Abenteuer  

Ein Jahr nach Pillenende die Überraschung: Wir sind schwanger! Kurz darauf jedoch in der 6. Woche eine starke Blutung und die zerschmetternde Diagnose vom Frauenarzt. Unendliche Trauer, Warum-Fragen, aber auch der Pragmatismus, es einfach bald nochmal zu probieren. Schließlich konnten wir überhaupt erstmal schwanger werden! 

Doch die Schwangerschaftshormone stiegen trotz Fehlgeburt nach zwei Wochen noch einmal massiv an. Mit Verdacht auf Eileiterschwangerschaft kam ich ins Krankenhaus, bereit zur Not-OP. Nach einer Woche intensiver Überwachung dann die Entwarnung: Nur Schwangerschafts-Gewebereste, denen niemand gesagt hatte, dass die Party schon vorbei war. 

Die Entscheidung 

Ich hatte nun die Wahl natürlich abzuwarten, medikamentös zu unterstützen oder eine Ausschabungs-OP (in Fachkreisen Kürettage) vorzunehmen. Zum Glück wurden mir alle drei Optionen angeboten. Dabei hatte ich vor den Tabletten die größte Angst, da sie starke Blutungen, Schmerzen und Wehen verursachen können und man die sogenannte „Kleine Geburt“ ja allein zu Hause vornimmt. Eine Hebamme zur Begleitung fand ich trotz Recherche-Aufwand nicht. In manchen Fällen muss danach auch trotzdem nochmal operiert werden. 

Ich entschied mich erstmal abzuwarten - 

doch es half nicht. 

Ich entschied mich für die OP - 

doch es half nicht. 

(Durch ein Myom kam man nicht gut heran und die Ärztin meinte hinterher, sie hätten im OP ja auch nicht so ein gutes Ultraschallgerät wie im Sprechzimmer. Okaaaay?!) 

Ich entschied mich unter Tränen und Lachen doch noch für das Medikament - 

und es HALF ... 

zumindest um die 1. Schwangerschaft zwei Monate nach der Fehlgeburt endlich zu beenden. 

Die Ungewissheit 

Obwohl sich hormonell wieder ein Bilderbuch-Zyklus mit Eisprung einstellte, blieben meine Tage praktisch aus und in meinem Bauch das ungute Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte. Wir kamen in eine Kinderwunschklinik. Wir wurden durchgecheckt. Wir waren gesund und fruchtbar. Immerhin. Doch meine Gebärmutter wollte nicht mehr so richtig. Die Empfehlung: mal via Gebärmutterspiegelung die Lage checken. Doch ich hatte Angst und wollte keine OP mehr. Nicht noch etwas schlimmer machen. Die Natur vielleicht mal machen lassen. Zeit verging. Nach 12 Monaten des Wartens ohne natürlichen Fortschritt dann zähneknirschend doch OP 2. 

Die Hoffnung

Und es wurde besser. Die Spiegelung ergab, dass die Gebärmutter voller Verklebungen und Narben war, die mein Körper nicht allein hätte heilen können und die nun entfernt wurden. 

Ursache: zu 95% wohl eine Nebenwirkung der ersten OP, ein Trauma für das Organ. Daher also sehr wahrscheinlich vermeidbar. Reue, Schuld und Selbstmitleid auf meiner Seite. Viele Therapiestunden und Zeit, um das im Kopf wieder grade zu rücken. Die Vergangenheit und Fehlentscheidungen anzunehmen. Akzeptieren, dass man es nicht wissen konnte. 

Mittlerweile kenne ich auch den Namen dieses bekannten Phänomens: Asherman-Syndrom. 

Symptome: Verklebungen und Narben in der Gebärmutterschleimhaut nach Ausschabungen, die je nach Studienlage 1-15% der Patientinnen nach Ausschabungen betreffen kann. Folgen sind ausbleibende oder sehr schwache Tage, erschwerte Einnistung (43% werden nicht mehr schwanger) und ggf. auch erneute Fehlgeburten. 

Der Silberstreif: 83% der diagnostizierten Patientinnen werden nach einer gezielten Behandlung wieder schwanger.  

Das Wunder

Fünf Monaten danach wurde ich tatsächlich wieder schwanger. Währenddessen: Große Anspannung, aber auch Zuversicht. Übelkeit und Heißhunger, Herzschlag und das erste Ultraschallbild mit „Mini“ wiegten mich in Sicherheit. In Woche 9 dann plötzlich kein Herzschlag mehr, aber auch keine Abbruchsblutung. Diagnose: Verhaltene Fehlgeburt. Schock. Danach wollte ich alles besser machen als beim 1. Mal und eine neue Ausschabung  vermeiden. 

Doch Abwarten - half nicht. Keine Blutung. 

Doch Tabletten - halfen nicht. Keine Blutung. 

Nochmal Tabletten - halfen etwas. Schmierblutung. Durch mein Myom löste sich einfach nichts. 

Neue Diagnose: Der Embryo war verschwunden, doch die Fruchtblase sogar noch gewachsen. Mittlerweile die Größe von Woche 14 und damit viel Blut im Körper. 

Die unendliche Geschichte 

Also OP Nr. 3 (Ausschabung). Doch selbst danach stagnierten die Schwangerschaftshormone, denn die Plazenta lies sich auch in der OP nicht vollständig lösen. Ich bekam Hormone verschrieben. 

Und sie halfen! - Nein, nur Spaß, natürlich half das auch nicht. :( 

Wieder wollten die letzten Partygäste nicht gehen. Schlimmer noch: diesmal hatten sie sich im Bad eingeschlossen und waren betrunken eingeschlafen. Fuckers! 

Also OP Nr. 4 in Form einer Gebärmutterspiegelung. Die letzten Plazentareste ließen sich damit schließlich lösen und 3 Monate nach der Fehlgeburt war nun endlich alles wirklich zu Ende.

Ob ich bald nochmal schwanger werden und wir dann einfach mal Glück haben? Ich weiß es nicht. Aber ich habe vieles gelernt. 


Was ich euch mitgeben möchte: 

Lasst euch nach einer Fehlgeburt nicht unter Druck setzen, wenn ein Arzt zu einer Ausschabung drängt. Im Gegenteil: lasst euch immer zu allen drei Methoden ausführlich beraten. Eine Ausschabungs-OP ist nur in den seltensten Fällen medizinisch wirklich notwendig. In vielen anderen Ländern in Europa werden die Frauen nach einem Abort in den ersten Wochen viel schonender behandelt und maximal medikamentös behandelt. 

Auch zu dem Medikament (Wirkstoff Misoprostol, Markenname Cytotec) unbedingt aufklären lassen - inklusive Nebenwirkungen. Da es ein Mittel im Off-Label-Use ist, d.h. nicht offiziell dafür auf den Markt, bekommt man es nur unter der Hand beim Arzt, die Tabletten genau abgezählt und ohne Beipackzettel.

Was bleibt: 

Es gibt Dinge in unserem Leben, über die haben wir keine Kontrolle. 

Gerade in einer Welt, in der wir alles auf Knopfdruck bekommen können, sind wir manchmal umso frustrierter, wenn es einmal nicht so geht, wie wir wollen. Nicht so schnell. Nicht so gut. Oder eben gar nicht. Wenn einem der eigene Körper quasi verrät oder im Stich lässt. Ganz zu schweigen von einer stillen unendlichen Trauer über kleine ungeborene Mini-Menschen, die man nie kennenlernen wird. Dem gegenüber reihenweise Freundinnen und Kolleginnen, die schwanger werden und gesunde Kinder zur Welt bringen. 

Das ist nicht gerecht. Das ist phasenweise sehr hoffnungslos. Und jedes Mal, wenn man dachte: „Das war das Schlimmste, jetzt wird es besser“, kann es vielleicht doch noch schlimmer kommen. Aber ich weiß auch: ich halte es aus. Ich kann das durchstehen. Ich kämpfe. Aber niemals allein. Ich habe meinen Partner. Ich habe meine Familie und enge Vertraute. Ich nehme professionelle Hilfe in Anspruch. Sei es in der Kinderwunschklinik mit besseren Chirurgen oder einer Psychotherapie mit einer eigens auf das Thema Unerfüllter Kinderwunsch spezialisierten Psychologin. 

Und: Mein Leben ist lebenswert. So oder so. Ich bin keine Frau zweiter Klasse. Ich bin eine Überlebende, eine Kämpferin, eine Sternenmama. Voller Stolz auf das, was mein Körper und meine Seele in den letzten Jahren an Strapazen durchgemacht und bis hierhin überstanden haben. Und ich fühle mich stärker dadurch, lebendiger, denn ich weiß, wie zerbrechlich das Leben ist. Aber manchmal bin ich auch nur ein Häufchen Elend. Immer seltener. Aber auch das ist okay. 

Vielleicht werde ich noch Mama, vielleicht versuchen wir eine Adoption oder eine Leihmutterschaft im Ausland. Vielleicht bleiben wir ganz kinderlos. Am Ende ist der Weg nicht entscheidend, wie wir ein erfülltes Leben gelebt haben. Es ist unsere Einstellung und Entscheidung dazu, auch mit Bergen, die wir nicht versetzen können. 

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Und ich sitze hier und muss weinen. Und will dich in den Arm nehmen, Anna*. Danke für deine berührenden Zeilen, deine Hoffnung und deinen Mut. Wir wünschen euch aus tiefstem Herzen, dass die Narben gesunden. Wenn sie wahrscheinlich auch nie ganz heilen können.

& Wer sich von euch mit Anna* austauschen möchte, signalisiert das gern in einem Kommentar unter dem dazugehörigen Post auf meinem Instagramaccount. Sie liest mit als @anna_sternenmama. Eine Mail könnt ihr ihr auch gern senden. Ihre Mailadresse ist anna.sternenmama@gmail.com.

*Anna möchte anonym bleiben.